Samstag, 28. Dezember 2013

Die Liebe in den Zeiten des Hadouken

Die GEE ist, nun wohl auch endgültig, tot. Das ist schade, gut aber ist: Zum Abschied erschien im Oktober noch einmal eine Ausgabe zum 10jährigen Jubiläum der Zeitschrift. Ich durfte dafür eine kleine Rezension schreiben - zu einem der wahrscheinlich schönsten Spiele, die ich in den letzten Jahren gespielt habe: Das Zeitgeistarchiv Point-and-Click-Adventure "Gone Home".





Die Liebe in den Zeiten des Hadouken

System: PC, Mac, Linux
Entwickler: The Fullbright Company
Publisher: The Fullbright Company
Preis: 19.99$
USK: Nicht bewertet


NES-Erinnerungen / Screenshot von mir
Erinnert sich noch jemand an 1995? Akte X, Kurt Cobain, endlose Street-Fighter-Nachmittage, Pubertät und auch ein bisschen erste Liebe? Diese ganzen Gefühle aus der Mitte der 90er, die bei jedem Besuch im Elternhaus unkontrolliert aus den Wänden suppen?
Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Spiel wie „Gone Home“ auftaucht: Man konnte in den letzten Jahren, vor allem bei den Indie-Games, immer wieder beobachten, dass eine neue Generation Gameentwickler das Ruder übernommen hat. Diejenigen nämlich, die Mitte der 90er ihre Pubertät hinter sich gebracht haben, und sich jetzt einer Portion Nostalgie an die Spiele erinnern mit denen sie aufgewachsen sind. Immer wieder gab es Spiele wie „Super Meat Boy“ oder „Superbrothers: Sword and Sorcery“ die sich in ihrer Ästhetik deutlich an SNES- und NES-Vorbilder anlehnten. Vor allem aber sind die Spiele mit den Entwicklern erwachsen geworden, und liefern wie in „Braid“ komplexe Geschichten übers Leben und Lieben ab. Manche bauen sich, wie das Geschichten-Erkundungsgame „Dear Esther“ daraus sogar komplette neue Spiel- und Storytellingmechaniken, angesiedelt irgendwo zwischen einem guten Buch im Lieblingssessel und Point-and-Click.
Musikmagazine, früher / Screenshot von mir
„Gone Home“ funktioniert ähnlich wie „Dear Esther“: Gegenstände und Orte triggern Erinnerungen an eine Geschichte, die sich der Spieler zusammensetzten muss. Aber während „Dear Esther“ eine epische, Jules-Verne-artige Erzählung war, zielt „Gone Home“ nach ganz woanders: Kate Greenbriar kommt von einer langen Reise durch Europa in das neue Haus ihrer Eltern, und es ist niemand da. Sie versucht herauszufinden, wo alle sind.
Fast jeder Gegenstand in dem Haus kann aufgenommen und von allen Seiten betrachtet werden: Flyer für Konzerte sind dabei, Musikmagazine, auf deren Cover Kurt Cobain abgebildet ist, SNES-Spiele, VHS-Kassetten. Es gibt abspielbare Musikkassetten. Kaum einer der Gegenstände bringt die Geschichte wirklich woran, hilft bei der Frage weiter: Wo sind die eigentlich alle? Warum ist das Haus so leer? Aber sie erzählen eine andere Geschichte: Sie erzählen die Geschichte einer bestimmten Zeit. „Gone Home“ ist ein Geschichtenerkundungsspiel – es gibt die Geschichte des Hauses zu erkunden, die Geschichte der Eltern, es gibt eine Liebesgeschichte zu finden, in der es um Kate Greenbriars Schwester Sam und „Street Fighter“ geht.
Mixtape! / Screenshot von mir
Das eigentlich Interessante an „Gone Home“ sind aber nicht diese Geschichten. Es ist die eigene Geschichte, die eigenen Erinnerungen, die das Spiel freisetzt, einfach nur beim Anblick einer krude zusammenkopierten Fanzine, eines Konzerttickets, beim Anhören eines bestimmten Liedes, dass einen an die Mixtapes erinnert, mit denen man früher versuchte zu flirten. Nicht das Haus der Greenbriars wird erkundet. Es ist das Haus er eigenen Erinnerungen. Die Geschichte geht nicht mit Kate los, wie sie auf der Veranda ihres Elternhauses steht. Sie geht los mit: Ich war 12, und als ich das Mixtape in den Briefkasten dieses einen Mädchens warf, war ich so aufgeregt wie danach nie wieder. 

Freitag, 18. Oktober 2013

Die Irre, das Mädchen und die Straßenbahn

Ich bin im April - nach langen, schönen Jahren in einer WG, in der so viel Geschichte passiert ist, dass es für ein ganzes Leben reicht - umgezogen. Ich verbrachte damals die letzte Nacht in meinem alten Zimmer mit zwei Dosen Bier und drei Zigaretten, zwischen meinen Kartons auf einer Matratze. Ich roch noch die frische Farbe an den Wänden, und dachte an alles, was ich in dem Zimmer erlebt hatte. Und daran, was ich in der neuen Wohnung vielleicht so alles erleben würde. Meine übliche Wehmütigkeit, wenn ich einen Ort verlasse und irgendwo anders ankomme, wo ich es noch nicht so gut kenne. 
Dazu kam, dass ich in das Viertel zog, in dem meine Großeltern den 2. Weltkrieg verbracht hatten, und wahrscheinlich sogar beim selben Metzger das erste Grillfleisch des Jahres kaufte. Das fühlte sich eigenartig an, wie Erzählstränge, die plötzlich zusammengeführt wurden, obwohl es eigentlich noch keine Zeit dafür war. Vielleicht auch nur Zufall. 
Nachdem jedenfalls das ganze Umzugschaos bewältigt war, dachte ich, ich schreibe einen kleinen Essay, der da alles würdigt und irgendwie zusammenführt.
Ich schrieb den Essay, und dann lag er ein paar Monate lang auf meiner Festplatte rum. 




All die überblitzen Kleinigkeiten 


Straße ohne Bahn. Bild von mir. 
 Die Menschen, die ich auf dem Weg verloren habe. Die Menschen, die immer noch vorbeikommen, wenn es geht. Die Festivals, die Konzerte, die Parties. Die Exfreundinnen. Die überblitzten Kleinigkeiten, mit denen wir die Wohnzimmerschränke tapeziert haben. 
10 Jahre. Ich könnte jedes Foto beschreiben, auswendig, aber das muss ich nicht. Wir haben sie an den Schränken aufgehängt, weil sie eine hässliche Farbe haben. Wir haben sie aufgehängt, weil wir uns gerne erinnern wollten. Sie baumeln zehn Zentimeter vor meinem Gesicht, während wir die Schränke runtertragen. Wir stellen sie alle an den Straßenrand. Eine Schrankwand nach der anderen.
Sperrmülltag.

An der Straßenbahnhaltestelle sitzt eine Frau, ich weiß nicht, ob sie lacht oder weint. Auf jeden Fall ist es laut, alle hören es, keiner sieht hin, wie man das mit Irren eben macht. Sie trägt eine lilane Barettmütze mit weißen Applikationen, überhaupt auch sehr viel lila an der Jacke, überall. Es ist noch ein bisschen kalt, es regnet, der Frühling versteckt sich noch kurz außer Reichweite. Ich mag das Geräusch der Straßenbahn, wie sie metallisch über die Schienen gleitet, dieses Klingeln, das klingt, als hätte es vor hundert Jahren schon so geklungen, damals, als noch niemand daran dachte, dass der Stadtteil zerbombt werden könnte, oder voller junger Familien und Bioläden sein. Es werden nicht die selben Straßenbahnen sein, aber vielleicht hatten sie einen Soundingenieur, der das Klingeln von damals rekonstruieren musste, der nächtelang daran gesessen hat, der historische Quellen ausgewertet hat, der dann schließlich, irgendwann frühmorgens in sein Studio gegangen ist, und als nach einer langen Nacht die Sonne aufging, hatte er es: Das perfekte Straßenbahnklingen. Vielleicht ist es so exakt konstruiert. Vielleicht ist das aber auch nur Zufall. Wer weiß. Die Lachweinfrau steigt mit mir ein. Drinnen macht sie keine Geräusche mehr. Sie hört einfach auf, und steigt eine Station später wieder aus. Ich schaue ihr nach, sie rückt sich ihre Mütze zurecht.

Donnerstag, 26. September 2013

RegioBlues

Ich habe eine Zeit lang in einer kleinen Stadt mitten in der niedersächischen Tiefebene gewohnt. Mittlerweile habe ich in die nächstgrößere Stadt (immer noch niedersächsische Tiefebene) gefunden. Ich mochte auch eine Zeit lang Blues gerne. Mag ich immer noch. Hauptsächlich schreibe ich ja aber. Und irgendwann, ich weiß nicht mehr, wann genau, dachte ich: Basteln wir das doch mal zusammen. Das Ergebnis ist ein Text, der sich schon mehrfach als unpublizierbar erwiesen hat, und ansonsten mit Bluesmotiven und niedersächsischer Depression rumspielt. 



Vom Irrsinn, den Blues zu haben und ihn nicht zu verstehen


1.

Trompetensolo! Bild von mir.
Elegant wäre, einen Essay über den Blues in Alexandrinern zu schreiben, aber die Lust auf solche Verzierungen vergeht mir immer, wenn ich mit der Regionalbahn durch die niedersächsische Tiefebene fahre: Das wäre nur eine Chromleiste, an eine rotes Auto geschweißt. Ich habe nie so ein Auto besessen, auch keiner, den ich kenne, außer vielleicht mein Vater, und den Blues spielt man darin sowieso nicht. Ein rotes Auto mit blitzenden Chromleisten: Country-Legenden sterben auf den Rücksitzen von sowas [Hank Williams. Ein 1952er Cadillac in babyblau. Er war 29, mehr oder weniger so alt wie ich]. Parallel zur Eisenbahnstrecke verläuft eine Straße, ich glaube, es ist B6, die sich da durch die Zuckerrübenfelder wurschelt: Da haben wirs wieder, B6: Selbst wenn ich ein Country-Auto hätte, ich würde damit nicht über eine Straße fahren, die B6 heißt, an deren Rand noch einmal Mais wächst, sondern nur diese schmutzig-grünen, niedrigen Pflanzen, diese Rüben, die da im Dreck der Börde stehen, und dann irgendwann stinken, wenn sie verarbeitet werden [Bei der Zuckerherstellung fallen Nebenprodukte an, die als Futtermittel oder Substrat für Fermentationen verwendet werden]. Dahinter flache Hügel, nicht bestellte EU-subventionierte Felder, irgendein Bauer hat in das höchstgelegene davon die drei Buchstaben CDU eingepflügt. Elegant wäre, einen Blues darüber zu schreiben, wie es ist, nachts in einer großen Stadt nach der letzten offenen Sushi- Bar zu suchen, weil es unbedingt Sushi sein muss. Und keine zu finden. Und irgendeine Art von gigantischer Entfremdungserfahrung zu haben, dann. Großstadtlichter überall. Aber ich kann kaum Gitarre spielen, obwohl es dafür reicht, hin und wieder mal ein Mädchen abzuschleppen, aber das werden dann auch die Lagerfeuer sein, und das Wasser, an dem diese Feuer sind, und die Tatsache, dass überhaupt einer da Gitarre spielt.

Montag, 26. August 2013

Wie man den Traum lebt

Zur Zeit plane ich mit dem wunderbaren eBook-Verlag mikrotext eine kleine, feine Publikation. Sie soll, wenn alles gut geht, im Winter/Frühjahr 2014 erscheinen. Es geht darum, dass in dem dem Band Studienabgänger der deutschen Schreibschulen in Leipzig und Hildesheim beschreiben, wie das Leben so aussieht, wenn man diplomierter Schriftsteller ist.
Das ist der Rohschnitt zu meinem Text aus dem Band, ich fand ihn zu gut, um ihn nur in einem Medium zu publizieren.

Mein Studium an der Universität Hildesheim brach ich an einem sonnigen Spätsommertag in Südfrankreich ab. Ich saß auf einer Terrasse unter Maulbeerbäumen und Feigen, die gerade begannen, von den Bäumen zu fallen und auf dem Boden zu vergären, aber es war noch nicht schlimm. Wahrscheinlich trank ich Pastis. Ich hatte an dem Tag einen Artikel fertig geschrieben, eine Kurzgeschichte so gut wie fertig, ein paar gute Ideen in einen Essay eingearbeitet, knapp die Hälfte der Texte war sogar bezahlt, und ich dachte: Hey, eigentlich läufts doch ganz gut.
Auch eine Möglichkeit. Bild von mir.
So, wie ich mir das ausrechnete, war die Wahl damals folgende: Entweder, ich höre mit dem Studium auf (ich hatte den Studentenstatus damals sowieso nur noch aus steuerlichen Gründen), oder ich werfe der Uni Hildesheim noch mindestens zwei Semester lang absurd überhöhte Studiengebühren in den Rachen, um dann hinterher Titel und Abschluss zu haben, aber auch nicht wirklich bessere Chancen als Multifunktionsschreiberling in der großen, bösen freien Wirtschaft da draußen.
Vielleicht war es der Pastis, aber die Entscheidung fiel mir leicht. Und im ersten Jahr bereute ich sie mehrmals, meistens, wenn die Auftragslage gerade nicht so gut war, im Sommerloch, im Weihnachtsloch, überhaupt in diesen ganzen Löchern, die so ein Jahr manchmal hat. In den Löchern, in denen ich nur knapp mit der Miete, den Versicherungen und dem Essen hinkam. Ich habe nie gehungert, aber manchmal gab es tagelang nur Nudeln. Zeitweise hatte ich auch keine Krankenversicherung, wurde dafür aber in namhaften Zeitungen, Magazinen und Literaturzeitschriften publiziert.

Freitag, 23. August 2013

Literarische digitale Spiele, Facebook-Outtakes


Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin, vielleicht war es, weil zur Zeit - zumindest in meinem Stream - viel darüber gesprochen wird, ob digitale Spiele jetzt die neue Literatur seien. Auf jeden Fall fragte ich mich, wie viele und was für Adaptionen von literarischen Klassikern es eigentlich als Spiel gibt - und vor allem, warum sich eigentlich kaum jemand damit beschäftigt wie man sich, beispielsweise, mit Literaturverfilmungen befassen würde. Bei Zeit Online fand man, das sei auf jeden Fall einen Artikel wert - hier ist er

Weil ich so eine Recherche nicht gerne alleine mache, ist fragte ich Facebook:

Hey, Crowd:  Ich suche nach Ausätzen / Forschung aus den Game Studies, der Literatur- und Medienwissenschaft, die sich mit (vergleichender) Analyse von digitalen Spielen und den literarischen Klassikern, auf denen sie basieren beschäftigen / beschäftigt. Oder das im weitesten Sinne zum Thema haben. Gibts sowas? Meine These ist: Gibts nicht. Aber vielleicht finde ichs auch nicht.

Facebook hatte einiges an Material für mich. Nachfolgend habe ich einfach mal den entsprechenden Thread hier rein kopiert, mit vielen, vielen nützlichen Links, Ideen und Beleidigungen. 


Freitag, 9. August 2013

Vier Wochen Probeabo Teil IV: Arsch auf Eimer

Seit Jahren habe ich keine Print-Zeitung mehr gelesen. Jetzt habe ich mir ein kostenloses Probeabo bestellt. Eine Erkundung.

Zum ersten Teil geht es hier.

Zum zweiten Teil geht es hier.


Zum dritten Teil geht es hier.


Eine Kiste voll Altinformation. Bild von mir.

Seit gestern liegt meine letzte Probeabo-ZEIT im Altpapier, irgendwann muss ich mal runtergehen und das wegwerfen, aber erstmal muss ich sagen: Der Zeitpunkt passt wie Arsch auf Eimer (ich war mir immer nicht sicher, ob ein Arsch gut auf einen Eimer passt oder nicht, aber ich glaube, gut). 


Springer und Amazon spielten im Laufe der Woche fleißig Print-Monopoly, und seitdem kacken sich alle deswegen an, aber nicht nur deswegen, es wird - selbstverständlich, weil es ja auch Journalismus ist - auf- und großgeblasen, es geht immer und sofort ums Prinzip. 

Donnerstag, 18. Juli 2013

4 Wochen Probeabo - Teil III: Stallgeruch

Seit Jahren habe ich keine Print-Zeitung mehr gelesen. Jetzt habe ich mir ein kostenloses Probeabo bestellt. Eine Erkundung.

Zum ersten Teil geht es hier.

Zum zweiten Teil geht es hier.



Buntes Blatt. Bild von mir.

Folgendes passierte: Ich hatte, ich weiß nicht genau woher, eines dieser Gratis-Parfümpröbchen-Röhrchen rumliegen. Und ich hatte die aktuelle ZEIT herumliegen. Beides auf dem Küchentisch. Ich brauchte den Küchentisch für irgendetwas, ich weiß nicht mehr genau, wahrscheinlich, um Essen darauf abzustellen, jedenfalls wischte ich den Kram auf den Fußboden. Aß. Stand auf. Lief über die Zeitung, die auf dem Boden lag, und über das Parfümpröbchen-Röhrchen, das irgendwo zwischen den Seiten versteckt war. Und stellte fest: Die ZEIT hat ganz ausgezeichnete Saug-Eigenschaften. Der Blätterwald, der die Woche über bei mir rumlag, roch männlich-moschusartig, vielleicht auch würzig, generell aber eher unangenehm. 

Es gilt wieder: Ich möchte gar keine einzelnen Artikel kritisieren - es gibt gute, es gibt schlechte, lange Reportagen, kurze Notizen, bekloppte und interessante Meinungen,  das meiste ist irgendwie so mittendrin. Nichts, was ich mit riesigem Gewinn gelesen hätte, vor allem im Feuilleton liegt die Themenauswahl manchmal extrem quer zu dem, was ich eigentlich lesen möchte - zu wenig Pop, zu wenig Gegenwart, zuviel Abfeiererei von Toten und Nischen - andererseits sind das aber auch Sachen, die ich sonst vielleicht nie gelesen und gewusst hätte. 

Mittwoch, 3. Juli 2013

Vier Wochen Probeabo - Teil II: Rituale

Seit Jahren habe ich keine Print-Zeitung mehr gelesen. Jetzt habe ich mir ein kostenloses Probeabo bestellt. Eine Erkundung.

Zum ersten Teil geht es hier. 



Der Ritualsessel. Bild von mir.

Wenn ich an Printzeitungen denke, denke ich an Rituale. Schöne Rituale, die mir Freude gemacht haben. Ich setzte einen Kaffee auf, und stolperte jeden morgen die Treppe zum Briefkasten herunter, oft noch verschlafen, ein- oder zweimal im Bademantel. Ich stolperte, die Zeitung - die Süddeutsche - unter den Arm geklemmt wieder hoch, in der Küche war der Kaffee inzwischen fertig. Ich goß mir einen Kaffee ein, las immer zuerst die Schlagzeilen, dann das "Streiflicht" oben links, drehte ich den Politikteil um, las das, was dort unter der Überschrift "Aus aller Welt" so stand,  arbeitete mich von hinten weiter durch, blieb meistens an der Reportage auf Seite 3 noch etwas länger hängen, hatte dann schon meine erste Tasse Kaffee und die erste Morgenzigarette fertig. Ich legte den ersten Teil der Zeitung weg, schenkte mir einen neuen Kaffee ein, zündete eine neue Zigarette an, und begann mit dem Feuilleton. Freitags und Samstags las ich zwischen Politiktteil und Feuilleton das Magazin, beziehungsweise die Wochendendbeilage.

Jeden Tag. Ein paar Jahre lang. Manchmal, wenn ich früh los musste, nahm ich mit, was ich morgens nicht geschafft hat - die Reihenfolge blieb immer gleich. 

Freitag, 21. Juni 2013

4 Wochen Probeabo - Teil I: Verwirrung

Seit Jahren habe ich keine Print-Zeitung mehr gelesen. Jetzt habe ich mir ein kostenloses Probeabo bestellt. Eine Erkundung.



Der Brief. Mit original fotokopierter Unterschrift.

Jetzt ist es soweit. Ich habe eine Kundennummer. An diesem Tag, dem Tag nach dem großen Gewitter, öffne ich den Briefkasten, und hole eine enthusiastisch formulierten, mit vielen Ausrufezeichen garnierten Brief heraus. 

Herzlich Willkommen!, steht da, Sie sind auf der Suche nach einer Zeitung, die Ihnen ein anspruchsvolles Lesevernügen bietet? Dann lernen Sie Deutschlands rennomierteste Wochenzeitung kennen: Vom 27.6. an lesen Sie DIE ZEIT 6 Wochen lang zur Probe, und das gratis!
[fett im Original] 


Das geht ja gut los. Ich hatte dieses Angebot bestellt, und, wenn ich richtig lesen kann, dann steht da was von vier Wochen. Warum sind es jetzt sechs? Nun ja. Ich will mich nicht beschweren, ich will nicht überkritisch sein, sechs Wochen statt vier, warum nicht. Ich habe ja eine Kundenummer. Und Telefonnummern. Und Mailadressen. 

Lieber ZEIT-Aboservice, schreibe ich,  
Heute habe ich ihren Brief mit der Bestätigung meines kostenlosen Probeabos bekommen. Vielen Dank dafür. 
Nun hatte ich aber ein Angebot bestellt, in dem steht, dass es DIE ZEIT für vier Wochen kostenlos gibt - in Ihrem Bestätigungsbrief schreiben Sie, dass es sechs Wochen sind.
Ich will mich nicht beschweren, sechs statt vier Wochen, das ist ganz wunderbar. Trotzdem bin ich etwas verwirrt. Sind es nun vier oder sechs kostenlose Wochen? Vielleicht können Sie mir da weiterhelfen. 
Meine Kundennummer ist: XXX XXX XXXX
Viele Grüße,
Jan Fischer 


Warum mache ich das? Zugegeben, wenn ich sage, dass ich seit Jahren keine Print-Zeitung mehr gelesen habe, ist das gelogen - allerdings nur ein bisschen.
Ich hatte, das ist schon eine Weile her, einmal ein Abo der Süddeutschen Zeitung, und ich habe versucht, sie täglich zu lesen. Ich nahm sie jeden Tag mit, stopfte sie in meine studentische Umhängetasche, las morgens im Bus teilweise das Feuilleton, den Rest dann vor dem ersten Seminar, und in den Seminarpausen dann den Rest, soweit ich eben kam. 
Ich nahm den ganzen Berg von auseinandergefaltetem und totgelesenem Papier wieder mit nach Hause, schmiss es ins Altpapier, und in der WG diskutierten wir dann darüber, wer den Haufen entsorgen musste. 

Dienstag, 18. Juni 2013

Nostalgischer Nostalgiepost (mit Nostalgie)

Das Buch, früher.
Als ich gerade anfing zu studieren, 2005, wollten wir nichts lieber als Bücher machen. Die ganze Zeit. Und deshalb saßen wir ständig um irgendwelche Küchentische, tranken, und dachten uns was aus. Und aus dem ein oder anderen wurde auch etwas. An ein paar davon möchte ich mich mittlerweile nicht mehr so gerne erinnern, andere wiederum haben sich als wirklich gute und schöne Ideen erwiesen, an denen ich gerne mitgearbeitet habe. "Alte Freunde. Helden unserer Kindheit" ist eines davon, auch eines, von dem ich immer wieder gerne erzähle, auch, weil für mich an dem Buch der Geruch dieser zauberhaften Aufbruchsphase hängt, in der wir wirklich nichts anderes als ein paar betrunkene Nächte an einem Küchentisch brauchten, um ein Buch zu machen. 

Demnächst erscheint eine runderneuerte Variante des alten Konzepts in der Edition Büchergilde. Bessere Autoren, bessere Herausgeber, ein richtiger Verlag, alle diese Sachen. Ich freue mich auch, dabei mitgemacht zu haben. 

Aber mein Herz wird immer an dieser alten, holprigen Version hängen, die wir uns in den langen, ersten Studiennächten ausgedacht haben. Deshalb hier: Meine zwei Texte daraus. Über He-Man und She-Ra, und über Knight Rider. 


Mittwoch, 29. Mai 2013

Future-blond & stinkende Luft

So sah das aus, und getwittert wurde während der Lesung
auch noch. Bild: Litfutur
Vor ein paar Tagen waren wir mal wieder als literarischste Boygroup der Welt unterwegs, als
Quatschprogramm auf dieser ernsthaften Konferenz hier.  

Die anderen hielten Vorträge oder sprachen miteinander, wir veranstalteten Live Poetry, sowas wie eine Mischung aus Poetry Slam und Improvisationstheater, und bastelten aus Zurufen aus dem Publikum zwei Texte. Marcel und ich schrieben, Til moderierte. 


Die Texte kopiere ich jetzt hier einfach mal rein, so, wie sie entstanden sind, mit sämtlichen Rechtschreibfehlern und dem ganzen Chaos.



Donnerstag, 23. Mai 2013

Ich habe Lesungen immer sehr geliebt, aber meistens gehe ich nicht mehr hin

Ein Jahr lang leitete ich eine kleine Veranstaltungsreihe im Theater für Niedersachsen, nichts
Immerhin ein Bier, und kein Wasserglas. Bild: Privat
großes, ein Late-Night-Format, das hauptsächlich dazu gedacht war, auch mal jüngeres Publikum ins Theater zu holen. Dafür, das ganze technisch zu betreuen, war mir ein grummeliger, oft bärtiger Theatertechniker zugeteilt, der alles konnte und jeden kannte, aber den Aufwand gerne gering hielt. Dieser Techniker liebte Lesungen. Er musste einfach nur einen Tisch und einen Stuhl hinstellen, zwei Lichter -eins weiß, eins farbig - darauf richten, ein Mikro hinstellen, und den Rest des Tages wurden wir beide dafür bezahlt, auf dem Balkon zu stehen und zu rauchen, so lange, bis kurz vor Veranstaltungsbeginn der Autor auftauchte, seinen Stuhl ausprobierte, zwei Worte ins Mikro sagte, und dann rauchten wir alle drei gemeinsam, bis es los ging. Es gibt kaum unaufwändigere Veranstaltungen. 
Tatsächlich gibt es aber auch kaum langweiligere Veranstaltungen als so eine Lesung auf Default-Setting. 
Es gibt Autoren, die versuchen, es anders zu machen - es gibt Poetry Slams, es gibt Leute, die ihre eigenen DJs mit zur Lesetour schleppen, es gibt allen möglichen multimedialen Krempel - aber ein großer Teil der Lesungen, auf denen ich war, ein großer Teil der Lesungen, die einem so angeboten werden - als Lesender und als Zuhörer - sehen genau so aus: Ein Tisch, ein Stuhl, ein Wasserglas. 

Dienstag, 23. April 2013

Die Buchtrinkerin

Ich sitze in einer Bar. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich da hin gekommen bin. Wir sind alle
Hausbar. Foto von mir.
rübergegangen, es ist der vorletzte Tag unserer Lesetour, das heißt, wir sind müde, noch fertiger als am Tag vorher, und am dem davor, und unsere gegenseitigen Versicherungen, dass wir heute auf jeden Fall früh schlafen gehen und nicht mehr so viel Bier trinken werden, glauben wir uns nicht mehr. Es ist nach Mitternacht, irgendeine dieser Stunden, die man nie so genau mitzählt. 
Ich bin Teil einer Traube Menschen, von denen ein paar Leute noch nach irgendwo anders gehen wollen, ich weiß nicht, wo, man kann da tanzen, und ein Freund legt auf, eine dieser Sachen. Alle reden laut. Jemand baggert an jemandem rum, jemand anders erklärt irgendetwas, was morgen keiner mehr braucht, jemand drittes legt den Arm um jemand viertes, die Musik wird jede Viertelstunde lauter. 

Ich zone aus. Mache ich manchmal in solchen Situationen. Meine Augen stellen sich unscharf. Alle Geräusche werden eins. Mein Bier trinkt sich von alleine. 

Und dann gibt es dieses andere Geräusch. Eine Art Lachen, dass sich spitz durch den Raum, durch die Gespräche, durch die Durschnittsbeats bohrt.
Der Laden ist voll, es ist mitten in der Nacht, an einem Samstag. Man feiert. Das tut man dort so. An einem Vierertisch sitzt ganz allein eine Frau, einen Weißwein und ein Glas Wasser neben sich, und liest in einem Buch. Sie hat es vor sich liegen, ich kann den Titel nicht erkennen. Sie ist älter, 50, vielleicht, etwas wirre ausblondierte Haare. Nach jedem Absatz macht sie eine Pause, seufzt einmal tief, fährt sich durch die Haare, muss einen Schluck Wein trinken: Das Buch macht sie fertig. So richtig. Ich habe so etwas noch nie gesehen, noch nie erlebt, nicht bei mir selbst, nicht in der Bahn, nirgends.

Ich kann mir keinen unpassenderen Platz vorstellen, um zu lesen, mitten in einer Bar in einer lauten Samstagnacht. Ich könnte mir keinen unpassenderen Platz vorstellen, um mit einer solchen emotionalen Anteilnahme zu lesen. 

Vielleicht ist lesen auch das falsche Wort: Es sieht mehr aus, als sei das Buch ihr Stoff, irgendein Zeug, das sie wie den Wein ein sich reinsaugt. Die Buchtrinkerin.

Ich möchte nicht allzu hart romantisieren, denn diese Frau hat offensichtlich einen an der Waffel, aber: solche Menschen, sollen, bitteschön, meine Leser sein. Die Irren, die noch klar genug sind, sich wenigstens mit teurem Wein zu betrinken, die den bekloppten Beat um sich herum komplett ignorieren, und sich hin und wieder mit großen Gesten die ein oder andere Träne oder seltener auch ein Lächeln aus dem Gesicht wischen. 

Donnerstag, 11. April 2013

Luftgitarre, verdichtet



"Das Schöne an der Luftgitarre ist, dass man überall Menschen kennenlernt – professionelle Performer, begabte Möchtegernstars oder schlicht Verrückte –, die einem ähnliche Geschichten erzählen können, Geschichten mit Happy End, die zwar auch von Punkten handeln, von unfairen Wertungen, voreingenommenen Jurys und von Konkurrenz, aber hauptsächlich von Freundschaft, von Tränen, von Blut, Bier und Schweiß.
Power of Pullunder (P.o.P.) Bild: privat.
Geschichten davon, wie sich diese eigenartige Mischung aus Zufall, Alkohol und der immer wieder auftauchenden Frage: »Was mache ich hier eigentlich?« zu einem Gleichgewicht verbindet.
Geschichten davon, wie dieses Gleichgewicht zum dem Glück wird, schwitzend im Scheinwerferlicht zu stehen, mit nichts als einem Stück verdammt lauter Luft in der Hand und Rock’n’Roll im Kopf. Und was könnte man mehr verlangen?" 
 Aus dem Vorwort von "Air Guitar Heroes. Vom Spielen der Luftgitarre"



Ich spiele als Ausgleichssport ja immer gerne das Luftgitarre - wirklich. Ich ziehe ein beklopptes Kostüm an, und stelle mich da hin, mit ziemlich cooler Luft in der Hand. Ich bin da so reingerutscht, wie genau, steht dann in den unten verlinkten Texten. 
Weil, die Sache ist, ich kann auch beim Ausgleichssport nicht aus meiner Haut, und schreibe dann auch darüber. Ziemlich oft und viel, sogar. Ich verlinke dann jetzt hier auch nicht - wie üblich - nur einen Text, sondern einfach mal alles, was ich so im Laufe der Jahre übers Luftgitarrespielen veröffentlicht habe. 



Reportage über die Luftgitarrenmeisterschaft 2011 beim Tagesspiegel (lustigerweise im Sportteil von Zeit Online zweitverwertet).

Radioreportage über die Luftgitarrenweltmeisterschaft 2012 beim SWR2 (inklusive Manuskript und zum Nachhören).

"Air Guitar Heroes. Vom Spielen der Luftgitarre", ein Buch zu dem Thema, von mir herausgegeben.

Bonusmaterial:

Ein Werbevideo für die finnische Stadt Oulu, inklusive Luftgitarrenaction von mir.

Außerdem, demnächst: Ein Musikvideo der Band Mega! Mega!, in dem Luftgitarrenkollegin "The Devil's Niece" und ich auftreten.

Außerdem: 

Dienstag, 2. April 2013

Ein Topf mit persischem Kitsch


Es gibt nicht viel zu sagen zu dieser Rezension, nichts besonderes, nichts großartig neues, einfach nur eine Rezension für die Kollegen drüben bei der GEE zu einem netten, kleinen Spiel namens "The Cat and the Coup", dem wahrscheinlich einzigen Spiel, bei dem ich tatsächlich etwas gelernt habe, was ich in der Schule auch gerne gelernt hätte.



The Cat and the Coup

Das Indie-Game „The Cat and the Coup“ will seinen Spielern unbedingt etwas beibringen.
Böses Kätzchen. Bild von hier.
Das Zauberhafte daran ist, dass das nicht nach hinten losgeht.

System: PC, Mac
Entwickler: Peter Brinson, Kurosh ValaNejad
Publisher: Peter Brinson, Kurosh ValaNejad
USK: Nicht geprüft
Preis: Kostenlos / Spende

Stopp. Wir werden kurz mal ein bisschen ernsthafter. Aber erst mal müssen wir erst mal Worte finden für dieses eigenartige Game namens „The Cat and the Coup.“ Point and Click, vielleicht, nur, dass man es nicht mit der Maus spielt. Jump and Run, nur dass man selten springen oder rennen muss, sondern eher durch die Geschichte stolpert. Am ehesten könnte man es noch Geschichtsvermittlungsgame nennen, aber so was fassen wir normalerweise ja nicht mal mit der Kneifzange an.

Samstag, 23. März 2013

Aachen, Alter, hier ist der Tod zuhaus


Mal wieder ein bisschen Prosa, dieses Mal sogar welche, von der ich weiß, wo sie herkommt. 
Es ist so, dass ich irgendwann 2010 mal in Aachen war, mit ein paar Freunden, von denen einer auf diesem Platz vor dem opulenten Aachener Rathaus voll gegen eine Laterne rannte, mit Platzwunde und allem. Das ist das eine.
Das andere ist, dass ich eine große, große Affinität zu Horrorgeschichten habe, und einer meiner ersten literarischen Lehrmeister Stephen King ist. 
Das dritte ist, dass ich, während wir in Aachen waren, von jemandem dieses wunderbare Hip-Hop-Stück gezeigt bekam, mit dem Refrain "Das ist Aachen, Alter, hier ist der Tod zuhaus".
Ich schmiss das alles in einen  Topf, rührte gut um, und Voilà: Eine surreale Vampirgeschichte mit  noch einem guten Schuss amerikanischem Neo-Folk dazu. 
Erschienen ist das ganze dann in dieser Anthologie



Die Spielplätze der Irren


Der Spielplatz der Irren.
Bild von hier.
Der Spielplatz der Irren ist der Platz der Herrscher, der tausend Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Erlöserposen verdrehen Julien den Kopf: Das Geräusch eines Schädels, der voll gegen eine restaurierte historische Laterne knallt. Karl der Große, und der Rest der Kaiser am Rathaus und ein in Gold gegossener Krieger auf einem Brunnen schauen in Heldenpose zu, als Julien sich an den Kopf fasst, und seine Platzwunde blutet auf das Kopfsteinpflaster. Zwei Irre taxieren ihn mit schräggelegten Köpfen: Der eine, der sich anzieht wie eine Puppe, mit roten Lippen den Plastikwangen, und der andere, mit freiem Oberkörper, ein drahtiges Etwas, das am liebsten Solariumfrauen mit kleinen Hunden anquatscht. Zwischen Juliens Fingern quillt das Blut, und der Drahtige hat sich jetzt entschlossen, zu Julien zu tanzen: Komm mit, da drin gibt’s Pflaster, sagt er, sie schneiden oft in Ohren. Er zerrt Julien über den Platz, zum Laden an der Ecke, an dessen Fassade ein goldener Kamm und eine goldene Schere sind.

Sonntag, 3. März 2013

Schmerzen und Spaß (Teaser)


Das ist es, das Buch. Bild von mir.
Zugegeben: Ein bisschen ist das jetzt Werbung. Ein Teaser-Trailer. Aber ein bisschen auch nicht. Ein bisschen ist es auch Essay: Das hier ist ungefähr ein Drittel meines Essays für den Games-Studies-Sammelband "Build ’em Up — Shoot ’em Down. Körperlichkeit in digitalen Spielen", erschienen im Verlag Werner Hülsbüsch und dort auch zu kaufen. Mit Beiträgen nicht nur von mir, sondern auch von Christian Huberts, Rudolf Inderst und einem Vorwort von Frans Märyä.


Harry Potter und der Muskelkater
Ein Selbstversuch aus verschiedenen Richtungen über das Verhältnis zwischen Körper, Controller und Spielfigur


Eines Morgens – im Grunde eher mittags - wachte ich auf, und hatte Muskelkater im rechten Arm, der Arm, in dem ich in der Nacht zuvor die Wiimote gehalten hatte. Ich hatte den größten Teil der Nacht „Harry Potter und der Halbblutprinz“ gespielt, und die Wiimote war eigentlich gar keine Wiimote, es war mein Zauberstab. Wenigstens kam sie in diesem Spiel so dicht an einen Zauberstab heran, wie kaum etwas anderes, was ich jemals in der Hand gehalten habe. Am Ende muss man in dem Spiel gegen eine absurd große Menge Todesser antreten, und für den in dem Fall nützlichsten aller Zaubersprüche – Stupor – musste ich meinen Zauberstab, meine Wiimote, blitzartig Richtung Bildschirm stoßen: Für jeden Zauberspruch in dem Spiel muss man eine solche Bewegung machen: einen Kreis in die Luft zeichnen, ruckartige Stöße in verschiedenste Richtungen. Außerdem muss man an mehreren Punkten im Spiel Rührbewegungen mit der Wiimote machen, um Zaubertränke umzurühren. Daher der Muskelkater, hauptsächlich im Trizeps. Ich lag also da, in meinem Bett, mit schmerzendem Trizeps, und dachte: Das ist nicht mein Muskelkater, den ich da habe. Das ist der Muskelkater von Harry Potter. Ich glaube, dass in dieser Erkenntnis, diesem Gedanken, etwas Interessantes verborgen liegt, etwas, das einem viel über das Verhältnis zwischen Spieler und Spielfigur in digitalen Spielen erzählen kann. Etwas über das eigenartige Verhältnis der Körper, die da aufeinander treffen. Und der Erzählungen, die sich daraus ergeben.

Dienstag, 26. Februar 2013

Lachen im Hals

Ich bin ungefähr so lustig wie dieser Clown.
Aber hoffentlich auch genauso gruselig.
Bild von hier.

Vor ein paar Monaten fragte mich ein Freund - einer von den Jungs hier - ob ich nicht für diese Zeitschrift namens "Exot" einen lustigen Text schreiben wolle. Ich sagte: Gerne, aber lustig kann ich nicht. 
Ich schrieb trotzdem einen lustigen Text. Schickte ihn hin. Und hörte danach nie wieder was von der Exot-Redaktion, so lange, bis ich erfuhr, dass die neueste Ausgabe schon längst erschienen war. Ohne meinen Text. So war das. Wie gesagt: Lustig kann ich nicht.



Mein erster lustiger Text, oder: Wer schmunzelt, kriegt eine geklebt

Ich kann nicht lustig schreiben. Wirklich nicht. Ich kokettiere nicht, das ist jetzt nicht, um eine großartige Pointe vorzubereiten. Wenn ich schreibe, schreibe ich nicht lustig. Ich meins ernst. Keine Ahnung, warum dieser Text hier steht. Ich kann das nicht, dieses fluffige, hopsige, häschenartige. Wenn ich schreibe, hoppelt da nichts durch grüne Sommerwiesen. Wenn ich schreibe, dann drechselt eine portugiesische Industriemaschine aus dem frühen 19. Jahrhundert – jedes dampfenden Ventil dazu designt, das portugiesische Proletariat zu unterdrücken - Sätze, von denen Thomas Mann Alpträume bekommt. Ja, immernoch. Ich weiß, dass er tot ist. Thomas Mann ist in der Hölle, Armeen von kleinen Hemingways schmeißen ihm dort meine unlektorierten Sätze an den Kopf, so lange, bis er sich darunter nicht mehr bewegen kann. Dabei lachen sie, die kleinen, bärtigen Alkoholiker. So wenig lustig bin ich.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Guerilla

"Ist es ein gutes Spiel? Die Frage klären klären wir später. Erstmal die wichtigen Sachen. Es gibt Häppchen. Und wo es Häppchen gibt, fühle ich mich immer willkommen. Selbst wenn im Hintergrund eine Spezialeinheit lautstark die Welt rettet, offenbar, indem sie – aber das ist ja  Standardprozedere bei solchen Spezialeinheiten - große Teile davon erschießt bzw. in die Luft jagt."

Pressepräsentation. Bild von mir.
Auch, wenn die Zukunft des TITEL-Magazin im Moment etwas ungewiss ist - die Redaktion für digitale Spiele, beispielsweise, ist letztens geschlossen Richtung nahaufnahmen.ch abgewandert - habe ich es immer sehr genossen, dort zu schreiben. Schlicht, weil es dort immer auch Raum für meine Experimentierwut gegeben hat, und ich dort Texte veröffentlichen konnte, die sonst so vielleicht nirgends erschienen wären. 

Der oben verlinkte Text hat sein Leben eigentlich als Kritik zum Anschleich-Shooter "Tom Clancy's Ghost Recon Future Soldier" begonnen, von der ich zu dem Zeitpunkt auch noch nicht genau wusste, wo und wie sie veröffentlicht wird. Dann fand ich aber - das passiert mir meistens - das ganze drumherum der Pressepräsentation viel interessanter als das Spiel selbst. Also wurde aus der Kritik eine Reportage, "mehr so der Beat-Ansatz" schrieb einer der TITEL-Kollegen. Ob ich das mit dem Beat so unterschreiben würde, weiß ich nicht. Aber: Mehr so der Guerilla-Ansatz, das schon. Glaube ich. 

Sonntag, 17. Februar 2013

Exen googlen

Als Dank für den Text bekam ich noch einen Abzug
von der Petersilie. Bild von mir. 

Das sind so Sachen, die machen immer wieder Spaß: Ich habe eine Zeit lang viel für den kleinen Kinderbuchverlag "Autumnus" geschrieben. Diese beiden Essays, zum Beispiel. Der Verlag ist auch sehr aktiv dabei, neue Zeitschriften und Hefte aus dem Boden zu stampfen - und für eines davon sollte ich zu einem Foto einen Text schreiben. Ich weiß nicht mehr, wie die Fotografin hieß, die die Bilder gemacht hat. Ich weiß nur noch, dass sie Dinge, die sie in ihrer Küche fand auf Fotopapier legte, und dabei ganz eigenartige, aber doch schöne, abstrakte Bilder herauskamen. Ich entschied mich für eines, bei dem sie Petersilie benutzt hatte, weil es genauso aussah wie der aschengraue Himmel im Winter, der, als ich den Text schrieb, schon monatelang über der Stadt hing.
Warum ich damals Exfreundinnen googlelte, weiß ich nicht mehr. Aber ich glaube, das macht jeder mal, von Zeit zu Zeit. Und ich hoffe, das wirkt jetzt überhaupt nicht merkwürdig.


Petersilienhimmel


Ich habe nichts zu tun, außer Exfreundinnen zu googlen. Selbst die Petersilie in der Küche kann ich nur jeden zweiten Tag gießen, und das ist schon zuviel für sie, sie wächst nicht, sie bleibt immer nur klein und krüppelig. Wenn sie blüht, dann schneide ich die Blüten ab. Seit Tagen habe ich den Himmel nicht gesehen, nur die graue Aschesuppe über mir. Meine Ex-Freundinnen waren alle allergisch gegen Petersilie. Die eine ist jetzt Reiseverkehrskauffrau, die andere Friseuse. Sie bekamen rote Pickel davon am ganzen Körper. Es wird den ganzen Tag nicht hell. Ich google Exfreundinnen. Die Petersilie habe ich erst heute morgen gegossen. Eine kleine Blüte landete im Biomüll. Einer dieser Tage, die hochgradig verschwendet sind. Ich habe ein Foto gemacht von dem Pflänzchen, von ganz nah, so dass es aussieht als sei es aus Plastik, und er graue Himmel ist im Hintergrund. Das Küchenkraut wuchert in die Aschesuppe hoch. Irgendwo da oben muss ja Himmel sein. Ich schicke das Foto der Reiseverkehrskauffrau, die Abwesenheitsmitteilung kommt sofort zurück. Sie ist im Urlaub. Wir haben ewig gebraucht, nur, um uns an den Händen zu halten, damals. Wir waren jung, wir hatten es nicht eilig. Wir lagen an einem kleinen Nebenarm eines Flusses, die Hände ineinander gedrückt, und wussten nicht weiter. Wir haben länger dafür gebraucht, unseren Mut für einen ersten Kuss zu sammeln als uns zu trennen. Ich schicke das Foto der Friseuse. Ihr Postfach ist voll. Ich weiß nicht mehr, was wir gemacht haben. Es regnete, sie war nass, und zog sich um. Wir lagen nebeneinander in einer Einzimmerwohnung mit unaufgeräumter Kochnische, und ich fühlte mich schwarzweiß. Sie zog aus ihrer Wohnung aus und nahm nichts mit. Ich stelle mir vor, dass die Friseuse jetzt jeden Tag Menschen verändert.

Freitag, 15. Februar 2013

Das vorletzte Ende

"Ich habe in letzter Zeit viel gefeiert. Als ich mich im Januar von meiner Freundin getrennt habe, habe ich angefangen. Als dann das Ende der GEE klar war, habe ich noch eine Schippe draufgelegt, und seitdem ich arbeitslos bin, bin ich ziemlich durchgedreht. Jetzt komme ich langsam wieder zur Ruhe, und denke an meinen Körper, an das Herz und das Hirn. Aber der Hedonismus lässt sich in diesem Fall gut mit der Jobsuche vereinbaren." 
Mehr hier.

"Liebe Leser,
im ersten Halbjahr 2013 werden vorerst keine weiteren Ausgaben des GEE Magazins erscheinen. Weder gedruckt noch digital. Für Oktober 2013 ist eine große Sonderausgabe zu unserem 10-jährigen Jubiläum geplant. In der Zwischenzeit halten wir euch hier und auf geemag.de auf dem Laufenden."
Heiko Gogolin, Ex-Ex-Chefredakteur der GEE, verschmitzt.
Bild von mir.
steht seit ein paar Tagen auf der Website der GEE, einer der, wie ich finde, besten Zeitschriften für digitale Spiele, die es da draußen so gibt, selbst nachdem die Printausgabe deutlich abgespeckt wurde, und die Zeitschrift hauptsächlich für den iPad erschien (was vielleicht, wer weiß, der erste Schritt in Richtung des aktuellen, chaotischen Niedergangs war). 

Ich möchte die Zeitschrift nicht allzu sehr loben - ich habe selber dafür geschrieben, und da klänge das vielleicht etwas falsch. Ich möchte nur sagen: Es war, bzw. ist, hoffentlich, dann später in diesem Jahr wieder, eine der wenigen Zeitschriften für digitale Spiele, die Spiele immer als Kunstform ernst genommen haben, und das ist tatsächlich und leider bei vielen anderen Games-Zeitschriften nicht selbstverständlich. Da gibt es dann gerne mal Sternchenwertungen für Grafik statt kulturellen Kontext. Die GEE hat sich immer dem New Games Journalism verschrieben, und damit kam sie mir in meinen Ansichten darüber, wie in einer perfekten Welt über digitale Spiele berichtet werden müsste sehr entgegen. 

Nun ist sie mal wieder tot, oder untot, keine Ahnung. Als das 2011 das letzte Mal passiert ist, habe ich mir den damaligen Ex-Chefredakteur (nun ja Ex-Ex-Chefredakteur) Heiko Gogolin geschnappt, und mit ihm darüber gesprochen, was damals schief gelaufen war. Das Interview ist oben verlinkt.

Freitag, 8. Februar 2013

Drogengeschichte


Ich beim Vortragen. Ein ernsthafter, junger Mann.
Bild von mir. 
Anfang 2012 hielt ich auf der Tagung "flow aus spielen" in Wolfsburg einen Vortrag über die Frage, wie viel Sinn es wohl machen könnte, auf Drogen zu schreiben.
Eigentlich ging es auf der Tagung um den Begriff "Flow" und seine kulturwissenschaftliche Bedeutung für und in Spielen, hauptsächlich ging es dabei um digitale Spiele, und es gab dazu eine irrsinnige, man möchte fast sagen: anstrengende Menge hörenswerter Vorträge. Ich war für den Blick über den Tellerrand, oder wie man es nennen möchte, eingeladen: Literatur, Flow und Drogen.

Und wenn es bei mir um Drogen und Literatur geht, dann erzähle ich immer wieder gerne diese eine Geschichte - nämlich diese eine Sache, damals, als ich in Disneyland Paris arbeitete - und deren Bedeutung für mich ich versuchte, aus meiner Schreibpraxis und der Schreibpraxis anderer Autoren heraus zu erklären, und das Ganze mit den Grundlagen des Flow-Begriffes bei Mihály Csíkszentmihályi anfütterte. 

Unten stehend: Das Skript. Man kann das - und alle anderen, wirklich auch tollen Vorträge - auch als Buch kaufen, und zwar genau hier.






Wikingerbeerdigung für Pankow.
Versuch eines Netzes zwischen Drogen, Flow und Literatur


Vor meinem Studium arbeitete ich für kurze Zeit in Disneyland Paris. Ich habe weder davor noch danach jemals wieder leichteren Zugang zu Drogen gehabt und auch niemals eine bessere Spielwiese, um sie auszuprobieren. Ich hing damals mit zwei Berlinern rum, von denen einer – Ben – mit mir zusammen im Kiosk an der Indiana-Jones- Achterbahn arbeitete, und der andere, dessen Namen ich vergessen habe, im Hotel New York die Autos der Gäste in der Tiefgarage parkte, beziehungsweise mit besonders schönen oder teuren Modellen auch schon mal ein paar Stunden in der Gegend herumfuhr, wenn es ihm passte. Die beiden teilten sich ein Zimmer in demselben Disney-Mitarbeiter-Wohnblock wie ich. Sie hatten eine Ratte namens Pankow.
Die Ratte durfte frei im Zimmer herumlaufen und starb an einer Überdosis, nachdem sie sich einen Haschischklumpen im Wert von 30 Euro einverleibt hatte, den wir schon eine Weile lang vermisst hatten. Sie hatte ihn wahrscheinlich irgendwo auf dem Boden gefunden, ihn mit in ihren Käfig genommen und in dem kleinen Plastikhäuschen, in dem sie schlief, verspeist.
Ich war da an dem Abend, an dem Ben und sein Kumpel herausfanden, dass Pankow verstorben war. Wir lagen auf dem Bett, rauchten und überlegten, ob wir etwas essen sollten, als Ben plötzlich sagte: »Ey, wat chillt ’n Pankow so eigentlich konstant in sein Häuschen?«
Die Ratte war zu dem Zeitpunkt schon zwei oder drei Tage tot, und als wir das herausfanden, warfen wir die Ratte und ihr Häuschen in eine Plastiktüte und legten alles auf die Fensterbank.